Reutlingen 6.11.2017: Wenn Männer in Rente gehen

Geschichten von daheim und aus dem Leben erzählten »Dui do on de Sell« exklusiv für GEA-Leser.

Geschichten von daheim und aus dem Leben erzählten »Dui do on de Sell« exklusiv für GEA-Leser. FOTO: Gerlinde Trinkhaus

 

Dem Alltag abgeguckt und verdammt authentisch zieht das »Schwertgoschen-Duo« allerlei Komisches aus dem After-Work-Lebensfundus und Familienleben und überschüttet sein gut gelauntes Publikum mit einer über zweistündigen Gag-Salve. Auf den Mund gefallen sind Petra Binder und Doris Reichenauer nicht. Wie ein »Vollzeit-Miteinander« aussehen könnte, darüber wird auf der Bühne leidenschaftlich-laut gegrübelt, im Publikum herzhaft gelacht. »Genau so isches«, entfährt es einer älteren Besucherin schon nach wenigen Minuten lachend, während ihre Nebensitzerin kräftig nickend zustimmt.

Die den Männern neu geschenkte Freiheit schreie geradezu nach Beschäftigungstherapie, sind sich die beiden auf der Bühne einig. Oder nach Selbsthilfegruppe für die Frau, wie Petra bemerkt: »we we we dermannzuhause Punkt de.«

Überhaupt stehe ja die Frage im Raum: »Was reizt Dich an Deinem Mann nach 30 Jahren noch?«. Petra überlegt nur kurz und ist sich sicher: »Jedes Wort!«. Weder »heiße Höschen« noch Lack und Leder à la Batman beim Gegenüber wirklich anzukommen. Die Fernbedienung ist es, ja, sie macht das männliche Geschlecht wohl glücklich und mutiert zur »Erotik des Alters«, wie die beiden frustriert sinnieren. Nur gut, dass Doris da ihr Zumba beim »sexy Jamaikaner« hat. Den scheint nicht zu stören, wenn Frau in den Wechseljahren ihre »Körpermitte um ein Spektrum erweitert« hat. Selbstbewusst stellt Petra auch klar: »Mein Busen hängt nicht, der chillt«.

Und das »Oxford-Hochdeutsch« mal ganz beiseitegelegt: »Au a alte Goiß schleckt no gern Salz«. Freilich ist auch der Nachwuchs ein Aufreger-Thema und die wechselnd-jungen Damen, die da morgens durchs Haus schleichen. Doris’ Sohn Kevin ist Skilehrer. Sein Motto: »Lieber zwei lockere Schnallen wie eine feste Bindung«. Das Publikum brüllt vor Lachen. Auch die Unsitte, dass man nicht mehr miteinander redet, sondern eigens dafür eine WhatsApp-Familien-Gruppe hat, wird ausführlich diskutiert. Überhaupt ist den beiden Quasselstrippen das Handy als solches ein Dorn im Auge. »Du kannst heute nicht mal mehr ein Kind im Wald aussetzen. Die finden mit ihrem Handy wieder heim«, stellt Doris pragmatisch fest, für die im Übrigen auch Eifersucht kein Thema mehr ist: »Wenn dr Vogel he isch, kannsch dr Käfig offalassa«.

»Klasse«, »einfach genial«, »super«, lauteten die Reaktionen eines begeisterten und sichtlich abgeholten Publikums. »Wo haben Sie denn den Plattenspieler eingebaut?«, fragt eine begeisterte Seniorin die Künstlerinnen am Schluss. »Alles Geschichten von daheim und aus dem Leben«, antwortet ihr Petra Binder. (pk)

VON PATRICIA KOZJEK

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