Dui do on de Sell sorgen im Komödienhaus für permanente Erheiterung

HEILBRONN Schon nach wenigen Minuten kommt die bittere Erkenntnis. Dieses Ziel werden sie niemals erreichen, Dui do on de Sell, also weder Petra Binder noch Doris Reichenauer, wie sie im richtigen Leben heißen, die beiden Comedy-Stars am schwäbischen Mundarthimmel. Die „14-Tage-Challenge“, die auf plakativem Großformat ein perfekt durchtrainiertes „Figurwunder“ verspricht, ist einfach zu groß.

Lichtgeschwindigkeit Aber darum geht es den beiden Tratschtanten, denen es gelingt, ihr Publikum in Lichtgeschwindigkeit auf höchstes Amüsierlevel zu hieven, im Grunde auch gar nicht.

Die attraktive Fitnessdame auf dem Werbeposter ist vielmehr Dreh- und Angelpunkt eines atemberaubend witzigen Abends im Heilbronner Komödienhaus. Und sie ist nicht allein, denn da gibt es auch noch ihren fiktiven Counterpart, den „lieben Gerhard“ und seinen 60. Geburtstag, der schließlich entsprechend vorbereitet sein will.

Da sind sie also, die beiden Grundpfeiler einer jeden guten Komödie, die mit den Themen „Schönheitswahn“ und „Altersgebrechen“ genügend Stoff bieten, einem völlig aus dem Häuschen geratenen Publikum eine Lachsalve nach der anderen zu entlocken.

Es ist schlichtweg umwerfend, wie Binder und Reichenauer ihr dramaturgisches Konzept in ein abendfüllendes Comedyprogramm umsetzen. Da wechseln Frauenthemen wie „Menstruationshintergrund“ in gefühltem Sekundentakt zu unübersehbaren Männerproblemen: „Lieber Gerhard, einst wehten die Haare im Wind – heut’ muss man suchen, wo welche sind“.

Wie jedoch schaffen es die beiden Sympathieträgerinnen, etwa mit kalauernden Übersetzungen vom Spanischen ins Deutsche – „hasta la vista – hasch Du Dein’ Wisch da?“, für permanentes Amüsement zu sorgen? Es ist selbstredend zum einen der virtuose Einsatz des Heimat-Idioms, das für eine wohltuende Identifikation mit den humorversprühenden Protagonistinnen sorgt, zum anderen die so wunderbar privat-intimen Themen, mit denen „Dui do on de Sell“ bei ihren Zuschauern punkten. Die werden, wie der Herr in der ersten Reihe ganz links – „der hat’s grad au gsagt“ – immer wieder mit ins Boot genommen und erfahren, dass das Stöhnen im elterlichen Schlafzimmer einem Wadenkrampf geschuldet gewesen sei, und zudem lernen, dass eine Bikinifigur beim Urlaub in den Bergen nur eine untergeordnete Rolle spielt und erotische Hilfsmittel aus Italien doch immer wieder die besten sind: „Amore mit Motore“.

Schwindelig: Den „lieben Gerhard“ lernt man leider nicht persönlich kennen, erfährt dafür aber, dass man verlorenes Gewicht jederzeit im Kühlschrank wiederfindet.

Nach zwei Stunden gnadenlosen Angriffs auf die Zwerchfelle ihrer schwindlig gespielten Fans zeigt sich das famose Damenduo dann doch gnädig: „Kommen Sie gut nach Hause und fahren Sie bitte nur auf dem Gehweg, denn die meisten Unfälle passieren auf der Straße.“

HEILBRONNER STIMME Heilbronn | KULTUR | Mittwoch, 17. November 2021  Von Andreas Sprachmann

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