Auf Männerpirsch in Andelfingen

Keine Kommentare

Andelfingen sz Turbulent und ohne Punkt und Komma schnattern Petra Binder und Doris Reichenbacher beim Kabarettabend in Andelfingen. Von der ersten Minute an reden sie über ihren derzeitigen mentalen und körperlichen Zustand. Wechseljahre – nicht nur für Frauen ein spannendes Thema. „Dui do on de Sell“ nehmen das andere Geschlecht ohne Beißhemmung mit auf die Achterbahnfahrt der Gefühle. Doch am Schluss gibt es eine versöhnliche Zieleinfahrt und ein Selfie mit allen Gästen fürs Internet.Vor vollbesetzter Halle beendet Doris ihre Beziehung mit Dieter, per Handy. Ihre Schwester Petra, die ihren Gerhard vor vier Wochen in die Wüste geschickt hat, steht ihr an diesem Lebenswendepunkt zu Seite. Zwei Frauen, schwitzend vor Hormonstürmen, sind plötzlich Single und wieder auf dem Markt. Nicht unbedingt eine außergewöhnliche Situation, aber für die Protagonistinnen der Punkt kritisch zurückzublicken und die neu gewonnen Freiheit zu erkunden.

Hierbei entspinnen Doris und Petra Dialoge, die höchst lebensnah und für jeden absolut nachvollziehbar sind. Doch das geniale daran ist, dass sie die Tragik, die Komik und den Wahnsinn der Situation auf so umwerfend humorvolle Weise darbringen. Zumindest für Männer wird es schwer zwischen lachen und Schenkel klatschen auch noch nachzudenken.

Nun ja, die Herren der Schöpfung bekommen natürlich ihr Fett ab. Die haben das Problem der Wechseljahre nicht, weil sie gar nie aus der Pubertät rauswachsen. Aber auch die Eigenarten und Schrullen der Frauen werden direkt, drastisch und auch derb auf die Schippe genommen. Dabei spielen sie mit Worten und formulieren Sätze, die nur auf schwäbisch funktionieren. Ob der Schönheitschirurg, die nachlassende Merkfähigkeit oder die Veranstaltung von Fitnessprogrammen, immer beleuchten Petra und Doris die Materie durchdringend und mit einem zwinkernden Auge.

Als nach der Pause die Männerpirsch eröffnet und das Körper- und Charakterprofil skizziert ist, stellen die Jägerinnen fest, dass von den zwei Herren in der ersten Reihe die Hälfte den Logenplatz verlassen hat. Petras Adlerauge erspäht den „Feigling“ in der fünften Reihe und lässt ihn wieder aktiv ins Programm einfließen. Unter anderem mit dem Tipp mit diesem gestreiften Hemd besser nicht zum Lidl zu gehen, weil er dort über den Scanner gezogen wird. Derweil sucht Doris nach einem Mann vom Typ Holzfäller mit haarigem Rücken und wird letztendlich beim Zeitungsschreiber fündig. Der darf dann auch für ein Selfie posieren. Die Suche nach dem perfekten Mann für Halbtags oder Teilzeit geht im Internet weiter, was die Sache aber nicht vereinfacht.

So kommt es, dass die beiden ihre Bademäntel ausziehen. Doris zieht Super-High-Heels und Petra eine Gitarre an. Umständlich und unbequem aufgebrezelt, gelingt den beiden die Versöhnung mit männlichem wie weiblichem Publikum, mit ihrem Schwabenmädle-Anpreislied. Eine richtige Glitzershow, welche die Zuseher ein weiteres Mal toben lässt.

Als Zugaben erzählen die Akteurinnen krachende Witze aus der Männer- und Autoschublade und schon sind fast drei Stunden vergangen. Ein herrlich deftig, humorvoller Abend, der die menschlichen Problemzonen mit Schwertgosch, großer Menschenkenntnis und sehr viel Herzenswärme beleuchtet hat, geht mit begeistertem Beifall zu Ende. Die Frage ob „Dui do ond de Sell“ wieder nach Andelfingen kommen sollen, wird von den Gästen frenetisch mit „Jaaaaa“ beantwortet.

Schwäbische Zeitung 25.09.2016 von Anton Munding

Menü